Once in a lifetime 6

mein Weg zu einem Promille

Nach diesem Nachmittag (11. Juli) tanzte ich auf zwei Hoch-Zeiten: Der Jazz-Workshop mit schrägen Akkorden, technischen Raffinessen und endlich wieder in einer Band mit sechs anderen Fanatischen. Das Spiel im Ensemble und der Individual-Unterricht, eine Wohltat nach Jahren der Entbehrung. Andererseits schweres Metall mit den – fast primitiven – Power-Chords, die von coolen Soli unterbrochen werden. Nun, 20 Songs auswendig zu lernen, hätte ich früher an einem Abend geschafft, jetzt ist es merkbar schwieriger. Außerdem sind bei diesem Workshop auch gesellschaftliche Verpflichtungen: gemeinsames Mittagessen, Vorbereitung auf einzelne Wunschsongs, Weinverkostung, Abendessen vor dem Dozentenkonzert und dann eine Jam-Session mit denen, die eben gerne auf der Bühne stehen. Privatisieren, also die Knüpfung von sozialen Kontakten, gehörte auch dazu, somit ging sich ein echtes Üben nicht mehr ganz aus. Am Ende der Woche gab es noch ziemliche Lücken für das Rockin1000-Konzert.

Daher gab es ab dem 17. Juli nur noch eins: Playlist üben und festigen, in 10 Tagen finden die Proben schon in Cesena statt, da will man sich ja nicht blamieren. Mit Tutorials – Videos der “Gurus”, also der Musiker, die uns zeigen, wie etwas gespielt werden soll – Noten und Tabs, Playbacks und Listen, auf denen steht, was mitzubringen ist, war ich dann reichlich beschäftigt. Ich wurde täglich besser und fast perfekt. So starteten meine Tochter und ich am  26. Juli sehr früh in Richtung Cesena in der Region Emilia Romagna, die im Mai durch katastrophale Unwetter so stark betroffen war. Für die Leute dort findet ja das Benefizkonzert statt.

Registrierung und Check-in bereits am Vorabend des 1. Probentages, dabei traf ich schon einige Bekannte aus Madrid, ein sehr herzliches Treffen und absolut stressfrei. Auch der CEO persönlich – die Seele der ganzen Organisation – hat mich gleich wiedererkannt und sich mit mir gefreut, dass ich diesmal bei den 1000 dabei bin. Die Ausrüstung wurde auf dem Vorplatz des Stadions geordnet aufgestellt, 300 Verstärker und 200 Schlagzeuge wollten untergebracht werden. Gelang routiniert und stressfrei, kein Gedränge, gegenseitige Hilfe bei technischen Schwierigkeiten, Gelächter, freundliche Gesichter, super Stimmung. Dann alles wasserdicht schützen, das war´s. Ein Stadtbummel und die Fahrt in die ländliche Unterkunft beendeten diesen langen Tag.

Meine Tochter lieferte mich bereits um acht Uhr beim Stadion ab, ich machte Fotos und Videos, sie düste weiter an den Strand. Auch die anderen Musiker kamen nach Stundenplan an, wir Gitarristen sollten zuerst proben, alle Anweisungen kamen zuerst nur auf Italienisch, was mir echt Probleme bereitete, nicht so den neben mir Stehenden, die (fast) alles für mich übersetzten. “Follow me” hörte ich am häufigsten. Nach etwa fünf Stunden waren wir fertig, sollten nur noch auf das OK zur “Übersiedlung” ins Stadion warten. Auch da nur tiefenentspannte Lage dank der exakten Anleitung einiger Ordner, die genau festlegen, wer wann wo zu sein hat, sehr bestimmt und unheimlich freundlich. Gegen vier war alles erledigt, Alice holte mich ab und wir ließen den Tag am Meer ausklingen. Leider verpasste ich eine Nachricht, um 21 Uhr wäre ein Umtrunk gewesen, so ein “come together”.

Freitag war heftig, ab neun im Stadion, noch ohne Chor das gesamte Programm ÜBEN, also mehrfach. Nach einer kurzen Mittagspause erschienen die Singenden und übten zuerst ohne Instrumente, das klang so phänomenal, dass sich meine Härchen um einen Stehplatz rauften. Dann erstmals alle zusammen – 1000 Fanatische gleichzeitig “Enter Sandman”. Auf der Straße vor dem Stadion sammelten sich die ersten Neugierigen, die Tore waren ja offen und wir waren laut, sehr laut. Ungefähr sechs Liter Mineralwasser hab ich bis zum Abend getrunken, dann ging es ganz kurz zum Abendessen, denn um 21 Uhr war die Generalprobe mit allem Drum und Dran, Dresscode: Wie beim Konzert, da ja ständig gefilmt wird. Nur das Publikum auf den Rängen fehlte (noch).